Wie Rainer Hank seine Klasse verrät
Die DDR ist als Version 3.0 bald wieder am Start, wie es ein Leser der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung entsetzt schreibt. Grund für solche Ängste ist weder eine plötzlich kämpferische DKP noch das gute Abschneiden der Linkspartei bei Bundes- und Landtagswahlen. Nein, es ist die Sozialismusdebatte einer überregionalen Tageszeitung, die so schockiert. Dort wurde »Gleichheit, Freiheit und Gemeinschaftlichkeit« gefordert. Und unter dem Titel »Der Sozialismus ist gar nicht so übel« steht zu lesen, daß er der sozialen Marktwirtschaft überlegen und deshalb wünschenswert sei. Der Beitrag regt die Abschaffung des Privateigentums an, beschreibt auch Probleme im Sozialismus. Trotz alledem.« »Rotesockezeitung« schimpft ein Leser. Und bezieht sich damit keinesfalls auf die junge Welt, sondern die Frankfurter Allgemeine selbst. »Früher wäre so ein Artikel höchstens im Feuilleton erschienen, aber niemals im Wirtschaftsteil«, meint Leser Ralf Kowollik. Schlimmer noch: Der Text ist nicht von einem intellektuellen Spinner – sondern vom bisher »unverdächtigen« Wirtschaftschef der Zeitung Rainer Hank. Das Geschrei ist groß: Das sei eine »Nachfolgekolumne von Karl Eduard von Schnitzler«, keift einer. »Sozialismus endet immer mit Kopfschuß«, sudelt ein anderer – er meint damit nicht den Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. »Auf nach China«, kommentiert ein Internetblogger. »Jedem das Seine, nicht jedem das Gleiche«, droht Leser Detlef Stark dem Ressortleiter. Und Leser Karl Wilhelm rechnet dem Wirtschaftschef der FAS vor, daß sein Sozialismus schon 160 Millionen Tote auf dem Gewissen habe: »100 Millionen Tote durch den Sozialismus und 60 Millionen durch den N-Sozialismus«. Ein weiteres Beispiel für die »Degeneration der deutschen Qualitätspresse«, lautet ein Kommentar.
Allerdings ist wenig zu befürchten, daß der Verfassungsschutz künftig die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter Beobachtung stellt. Führende Gewerkschaftsfunktionäre trauen sich kaum, Worte wie Klassenkampf, Abschaffung des Privateigentums oder Antikapitalismus in den Mund zunehmen. Selbst die sich sozialistisch nennende Tageszeitung im Lande kümmert sich lieber um Krisenmanagement im Kapitalismus denn um sozialistische Alternativen. Wenn allerdings ausgerechnet die bürgerlichste aller bürgerlichen Zeitungen zum Nachdenken über einen neuen Sozialismus aufruft, darf man daraus schließen, daß die klugen Bürgerlichen am Ende ihres Lateins sind und wenigstens ahnen, daß die bestehenden kapitalistischen Verhältnisse auf Dauer nicht haltbar sind.
mehr in der junge Welt:
http://www.jungewelt.de/2010/01-09/050.php
und hier findest du den Artikel von Rainer Hank in der FAZ:
http://www.faz.net
Der Mitlogger: Interessante Betrachtung, ich stelle mir auch vor, dass wir Menschen zu einem sozialistischen Zusammenleben fähig sind.
Bevor mir jetzt aber die durch die Planwirtschaft Geschädigten auf mich los gehen, will ich gleich einmal aus Rainer Hank’s Artikel zitieren:
‘Mit Planwirtschaft hat unser aufgeklärter Sozialismus nichts zu tun. Dass die gescheiterten sozialistischen Experimente dies anders handhabten, ist Grund genug, es künftig anders zu gestalten. Denn Planwirtschaft brachte den Menschen Armut und Unfreiheit. Das ist weder ökonomisch noch moralisch in Ordnung und entspricht ganz und gar nicht dem Ziel einer auf Chancengleichheit basierenden Gemeinschaft.’
Das dann selbst hier in der Auflistung ökonomisch vor moralisch kommt, zeigt in welchen Zeiten wir leben!